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„Der Goldene Topf“: Ungewöhnliche Texte, ungewöhnliche Maßnahmen

02.11.2012 | 11:56

Aus den hinteren Publikumsreihen sich erhebend, spurtet der Herr Anselmus nach vorn auf die Bühne. Die zerzauste Haarpracht schwingend, sofort in einige Kisten Äpfel rennend und uns ganz nebenbei noch eine Einführung in das Stück, das wir gleich sehen werden, gebend, erblickt er doch tatsächlich zwei sich kräuselnde Schlafsäcke, in die er sich augenscheinlich ad hoc verliebt.

Ob E.T.A. Hoffmann, wenn er den Anfang der Inszenierung gesehen hätte, schnaubend aus dem Saal geflohen wäre, bleibt nur zu vermuten. Epische Texte auf der Bühne, da stellt sich die Frage: Stellt man nun einen Erzähler auf die Bühne oder unternimmt man lieber etliche Veränderungen zu Gunsten der Dramatisierung der Figuren? Nur das, was exzessiv und exorbitant ist, bleibt im Gedächtnis jener, die das Stück auf sich wirken lassen. Sascha Bunge entschied sich für letzteres, was eine absurde und teilweise vielleicht sogar befremdliche Vorstellung hervorbrachte.

Diese Groteske, die doch außerordentlich beeindruckend war und eine solche Faszination aufbaute, dass man gar nicht auf die Idee kam, die Sitzgelegenheiten für unbequem und das Ambiente für marode zu halten, beweist: Ungewöhnliche Texte erfordern ungewöhnliche Maßnahmen.

Die Zuschauer hatten das Vergnügen, in eine Welt voller Magie, Zauber und Geheimnisse einzutreten. Die Herausforderung, eine virtuelle Welt zu schaffen, in den Bunge den roten Faden in der Hand hält und dabei noch eine vermeintliche Freiheit in der eigenen Interpretation eröffnet, nahm er offenbar dankend an und meisterte sie. Er übertraf sich noch, da er sich in Wahrheit wohl des besagten roten Fadens bediente, um die Zuschauer als seine Marionetten in die gewünschte Richtung zu lenken.

Doch das Ende bleibt nichtsdestotrotz offen. Man sieht die Zuschauer aus dem Raum gehen, teils schweigend, teils durcheinander skandierend oder mit Händen und Füßen gestikulierend, wohl aber, so will ich behaupten, das Stück Revue passieren lassend. Beweisstück für ein Stück, das Eindruck hinterließ – ob gut, ob schlecht sei dahingestellt. Sehenswert ist es ohne Zweifel.

Tenia Meisel (13-2) über den Besuch des „Goldenen Topfes“ am Theater an der Parkaue, Berlin

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